D.A.N. Family Reunion 2010

Die Seele des Aikido

(von Annette Liebmann)

Am 31. Juli machten sich rund 20 Aikidoka aus Augsburg auf nach Echternach in Luxemburg, um an der Summer School teilzunehmen. Untergebracht waren wir in einer der wohl modernsten Jugendherbergen Europas, direkt an einem See gelegen, und die Turnhalle war für eine Woche unser Reich. Schwerpunkt des oft schweißtreibenden Trainings waren Hebel in allen Variationen. Den Schwerpunkt des Zusammenseins legte Sensei John Emmerson auf die rechte Gesinnung, mit der wir Aikido trainieren sollen.

So erzählte er unter anderem von seiner Prüfung zum 4. Dan, bei der sich Meister Nocquet sehr zurückgenommen und ein teilnahmsloses Gesicht gemacht hatte. Hinterher war er sehr herzlich, gratulierte ihm freudig, und als beide am Abend beim gemeinsamen Essen saßen, bekannte Meister Nocquet, dass er jetzt schon deutliche Anzeichen für den 5. Dan erkennen könne. „Wie lange dauert es noch?“, wollte Sensei Emmerson ungeduldig wissen. Er dachte an ein paar Monate. „Nicht mehr lange“, antwortete Meister Nocquet, „vielleicht acht oder zehn Jahre“. Fortschritte auf Dan-Niveau werden eben in Äonen gemessen ;-) .

Ein anderes Mal erzählte er ein Gleichnis: In einen Hühnerstall hatte sich das Ei eines Adlers verirrt. Das Adler-Küken wurde zusammen mit den anderen Küken aufgezogen, pickte im Hof Körner und verhielt sich auch sonst wie ein Huhn – hatte es doch nichts Anderes gelernt. Eines Tages flog über den Hof ein Adler hinweg. Der junge Adler schaute mit den anderen Hühnern zum Himmel auf und seufzte sehnsüchtig: „Ach, zum Fliegen müsste man geboren sein…“ Sprich: In jedem von uns steckt ein Adler, wenn er es nur selbst erkennt – und Sensei Emmerson will nur Adler auf der Tatami wissen.

Besonders am Herzen lag ihm das Thema am vorletzten Tag der Summer School. Sensei Emmerson sprach von „The Spirit of Aikido“. Ich habe „Spirit“ bewusst nicht mit „Geist“, sondern mit „Seele“ übersetzt, denn „Spirit“ steht in diesem Zusammenhang für die gesamte Gefühlswelt, die letztendlich die geistige Haltung bestimmt. Als Meister Nocquet im Sterben lag, bat er Sensei Emmerson, die Seele des Aikido zu bewahren. Aber was ist die Seele des Aikido? Im Leben jagen wir nach dem Glück: Viele von uns glauben, sie werden glücklicher, wenn sie ein neues Auto oder einen besser bezahlten Job bekommen. Das kann in einem ewigen Kreislauf enden. Sicher brauchen wir alle das Nötige zum Leben, einen Job, Geld und vielleicht auch ein Auto. Aber glücklicher macht uns das nicht – es stärkt höchstens unser Ego. Auch im Dojo warten Gefahren: Manche streben nur nach dem nächsten Gürtel, dem nächsten Grad, fühlen sich gut, wenn sie besser sind als Andere. Auch im Dojo kann man sein Ego aufpolieren. Sensei Emmerson warnte davor: „So werden wir die Seele des Aikido nicht finden.“ Glück ist nicht etwas, was wir von außen empfangen, was mit Materiellem oder der Stellung in einer Rangordnung zu tun hat. Glück hat nur mit uns selbst zu tun. „Manche werden es nicht mögen, was sie finden, wenn sie beginnen, sich mit sich selbst zu beschäftigen“, sagte Sensei Emmerson. Doch wir können das Glück nur in uns selbst finden – fernab von Materiellem, von Rangordnung und Geltungsdrang. Fast schon traurig klang sein Schlusssatz: „Wenn auch nur einer hier in diesem Raum das verstanden hat, dann habe ich etwas erreicht.“

Ich denke, wir alle sollten diese Worte in unseren Herzen tragen und versuchen, sie zu leben – mit der gleichen Demut, mit der auch Sensei Emmerson versucht, den letzten Wunsch, sein letztes Versprechen gegenüber Meister Nocquet einzulösen.

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