Kein Aikido

Das Letzte, was ein Fisch entdeckt, ist Wasser — wenn es ihm fehlt.
Zen-Spruch

Gestern vor vierzig Jahren, am 26. April 1969, verstarb der Mann, dem wir alle unser Aikido verdanken. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, sich darüber Gedanken zu machen, wie das Leben aussähe, wenn O Sensei sich nicht die Mühe gemacht hätte, Aikido »zu erfinden«. Oder wenn er es für sich behalten hätte und es nicht der ganzen Welt zum Geschenk gemacht hätte.

Nun, höchstwahrscheinlich gäbe es keine Shiho Nages, keine Ikkyos, keine Irimi Nages und keine schmerzhaften Nikyos oder Sankyos. Aber das wäre sicherlich zu verschmerzen und wer möchte, findet in anderen Kampfkünsten leicht gleichwertigen Ersatz.

Sicherlich war O Sensei ein meisterhafter Techniker und dank Internet und YouTube kann sich heute jeder schnell und einfach davon überzeugen. Aber an der gleichen Stelle gibt es auch genügend Zeugnisse des großartigen Könnens anderer Budo-Meister.

Doch nach allem, was seine Schüler erzählen, waren es für die meisten von ihnen nicht so sehr die Techniken von O Sensei, die sie so sehr an ihm begeisterten, sondern die Art und Weise, wie er mit Menschen umging und wie er selbst Mensch war, wie er sie berührte und an ihr Innerstes anrührte.

Interessanterweise war es womöglich eine der größten Tragödien der Menschheit, die sein Denken und Handeln veränderte und ihn zu der Einsicht brachte, dass Budo in Wahrheit nicht die Kunst des Tötens oder Siegens ist, sondern der allumfassenden, uneingeschränkten Liebe. Ich habe beim Nachdenken über diese Fragen ein wenig in meinem Bücherschrank gestöbert und bin auf ein Zitat in Remembering O Sensei gestoßen, das ich Euch gerne übersetzen möchte:

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich O Senseis Einstellung gegenüber anderen Menschen. Sein grimmiger, fester Blick wurde weich und liebevoll. Man hatte das Gefühl, ihm näher zu kommen. O Sensei sagte: »Bis jetzt diente alles Budo der Zerstörung. Es war zum Töten da. Wenn sich die Menschen wieder so verhalten, wird wieder eine schrecklich Zeit kommen. Budo muss dem Partner Freude und Wonne geben. Es muss das Budo der Liebe sein.
Du musst deinem Partner Freude geben. Deshalb musst du fähig werden, das Ki deines Partners unmittelbar zu sehen. Du musst dich darin ausbilden, das Ki deines Partners augenblicklich im Moment des Kontakts zu verstehen. Du musst Sprache, Körper und Geist vereinen und eins werden mit dem Walten aller Dinge im Universum, mit Kami und den Kräften der Natur. Sprache, Körper und Geist – diese drei müssen in Harmonie mit dem Walten des Universums sein. Wenn du das tust, dann wird das wahre Budo geboren. Das Budo, das zur Zerstörung anderer dient, wird das Budo werden, das anderen Freude und Rücksicht schenkt.«
Michio Hikitsuchiin Remembering O-Sensei, Shambala, 2002, S. 92

Ich bin mir sicher, dass es das war, was Meister Nocquet an O Sensei faszinierte, was ihn zum ihm hinzog und ihm die Kraft und Inspiration gab, nach seiner Rückkehr aus Japan bis zum Ende seines Lebens allen von der Botschaft und Gegenwart von O Sensei Ueshiba zu berichten.

Aber auch Meister Nocquet ist schon über zehn Jahre tot und es leben nur noch wenige Menschen, die O Sensei persönlich kannten und von ihm berichten können. Und die uns eine Vorstellung davon geben können, was uns wirklich fehlen würde, wenn es kein Aikido gäbe.

Danke fürs »Zuhören«,
Claus

P.S.: Den letzten Text zum Thema »Anfängergeist« findet Ihr hier.

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