Michael Frosch hatte in einem Kommentar auf der Seite zu den Intensivtrainings einige Fragen zur Zielsetzung des Intensivtrainings gestellt und ich möchte das als Anlass nutzen, einige meiner Gedanken zum Intensivtraining mit Euch zu teilen. (Damit dieser Post nicht alle anderen verdeckt, habe ich ihn aufgeteilt. Deshalb zum Weiterlesen bitte auf „More“ klicken.)
Der Einfachheit halber zitiere ich Michaels Fragen hier noch einmal:
Wenn an verschiedenen Terminen (z.B. im Januar) das Training für unterschiedliche Grade geöffnet wird, weshalb wird dann kein Tachi/Suwari-Waza für diese Gruppe unterrichtet?
Ist dann die Angabe der Zielgruppe nicht irreführend, sollte man sich nicht besser weglassen oder besser hinzufügen – Techniken nach Ermessen des Lehrers?
Neue Interessenten für dieses Training orientieren sich meines Erachtens ausschließlich am Syllabus. (wobei wir wieder beim Thema Erwartungshaltung wären…)
Ich bezeichne das Mittwochstraining als Intensivtraining, damit klar wird, dass es mir in diesem Training nicht in erster Linie um das Vermitteln und Einüben der gradbezogenen D.A.N.-Prüfungstechniken geht. Für diesen Zweck gibt es Spezialkurse, die nach Graden aufgeteilt sind und in denen Karl Huber und ich uns bemühen, möglichst nah am Syllabus zu unterrichten und in jedem Spezialkurs möglichst viel davon abzudecken. Aber wie jeder weiß, der schon einmal bei einer anderen Stilrichtung als Dynamic Aikido Nocquet trainiert hat, ist der Syllabus nicht Aikido, er vermittelt lediglich technisches Wissen. Meister Nocquet hat seine Ansicht dazu so ausgedrückt:
Die Falle dient dazu, den Hasen zu fangen. Nimm den Hasen und vergiss die Falle.
Das Netz dient dazu, den Fisch zu fangen. Nimm den Fisch und vergiss das Netz.
Die Technik dient dazu, den Geist zu fangen. Nimm den Geist und vergiss die Technik.
O Sensei hat Aikido nicht geschaffen, damit es ein weiteres technisches Selbstverteidigungssystem gibt, sondern um „Menschen zu helfen, ein besseres Leben zu führen” und um „die Menschheit miteinander als Familie zu versöhnen”. Er hat uns die Techniken des Aikido gegeben, um dieses Ziel zu erreichen und nicht, um uns auf den nächsten farbigen Gürtel vorzubereiten (ich betrachte Schwarz in diesem Zusammenhang als Farbe).
Meiner Überzeugung nach benötigt die intensive Suche nach dem Geist des Aikido vor allem die Bereitschaft, sich sich selbst zu stellen. Damit ich im anderen, zumal wenn er mich angreift und mir Schaden zufügen oder sogar das Leben nehmen will, in diesem Augenblick höchster Anspannung den Mit-Menschen erkennen kann, muss ich den Menschen in mir erkennen — auch und besonders, wenn mir das, was ich da sehe, nicht gefällt und ich es daher am liebsten nicht wahrnehmen und schon gar nicht öffentlich zugeben will.
In diesem Sinne ist eine Gradbeschränkung für das Intensivtraining nicht nötig, eher die Bereitschaft, Aikido wirklich zu üben und zwar ganz bewusst nicht im Rahmen meiner Möglichkeiten, sondern definitiv möglichst nahe an der Grenze meiner Möglichkeiten. Für diese Art von Grenzerfahrung gibt es im Japanischen einen Begriff „Marubashi”, was Brücke des Lebens heißt und die Brücke zwischen Leben und Tod bezeichnet. Die Begegnung mit meinen Grenzen hängt nicht von der aktuellen Graduierung ab, sondern von meiner Bereitschaft, mich darauf einzulassen.
Als Lehrer verwende ich die Gradbeschränkung nicht, um den Grad der Intensität anzugeben, sondern als Hinweis darauf, in welcher Form und mit welchen Mitteln ich diese Intensität erzeugen möchte. Wie intensiv der Unterricht wahrgenommen wird, hängt allein von den Teilnehmern und Ihrer Bereitschaft, sich auf meinen Unterricht einzulassen, ab. Der Unterricht findet immer nach Ermessens des Lehrers statt.
Meister Nocquet sagte oft „Aikido ist eine Sache des Herzens“. Man braucht ein mutiges Herz, um sich selbst zu lieben.
Claus-Jürgen Kocka